"Die Gedanken sind frei"

"Die Gedanken sind frei"

Seit Juni 2012 lebt Laetitia, die „Lissi“ gerufen wird, wieder bei mir. Ich bin Florian, ihr Vater. Ich habe das alleinige Sorgerecht, die Mutter meldet sich nur phasenweise. Lissi kam mit drei Jahren zu mir, weil die Mutter nicht in der Lage war, sich um ihre Tochter zu kümmern. Ich bin trockener Alkoholiker. 2008 hatte ich einen schweren Rückfall und Lissi lebte mehr als drei Jahre zur Pflege bei ihrer Tante, der Schwester ihrer Mutter. Ich hatte während dieser Zeit immer Kontakt mit meiner Tochter, wenn auch sehr eingeschränkt. Lissi zweifelte manchmal daran, ob ich es schaffen würde, vom Alkohol loszukommen. Aber wir waren uns immer einig, dass, wenn es mir besser gehen würde, sie wieder bei mir leben wollte.

Unsere gegenseitige Verbundenheit würde ich als sehr tief beschreiben. Ich habe für ein Leben ohne Alkohol gekämpft. Nach dem körperlichen Entzug ging ich eine Zeit lang freiwillig jeden Tag in die Klinik zum Alkoholtest, nahm regelmäßig an einer Gesprächsgruppe teil und arbeitete schließlich eineinhalb Jahre intensiv mit einem Suchttherapeuten. Es kostete mir viel Kraft, das alles alleine zu organisieren. Was mir geholfen hat, war meine Fähigkeit, trotz der Erkrankung einigermaßen klar zu denken und mich selbst zu hinterfragen. Ich bin Literaturhistoriker, Buchhändler und freier Publizist und das kritische Denken meine große Leidenschaft, der rote Faden meines Lebens. Mein Intellekt hat mich gerettet, davon bin ich überzeugt. Auch meine Tochter Lissi möchte ich dabei unterstützen, freiheitlich und selbstständig zu denken. Auf der anderen Seite führte mein kritischer Geist bereits zu Schulzeiten zu Konflikten. Ein Jahr vor dem Abitur entschied ich mich, die Schule abzubrechen, weil der Widerspruch zwischen meinen Überzeugungen und dem System zu groß war. Heute begleite ich selbst Schülerinnen und Schüler.

Seit September 2013 habe ich eine Festanstellung als Förderlehrer, 30 Stunden pro Woche. Es ist eine Arbeit, die mir Spaß macht. Nebenher möchte ich aber gerne wieder anfangen zu schreiben: Essays über Literatur, über Schriftsteller und Schriftstellerinnen, die Zeit ihres Lebens zwischen den Stühlen saßen, weil sie nirgendwo richtig hineinpassten.

Florian

Das Portrait wurde uns freundlicherweise vom VAMV Landesverband Berlin e.V. zur Verfügung gestellt.

Wenn auch du eine Geschichte hier erzählen möchtest, dann melde dich bei uns unter info@die-alleinerziehenden.de.