Zeilen an Cornelia

Kategorie: aus dem Leben

Liebe Cornelia,

wir haben uns kürzlich kennen gelernt und bei einer Veranstaltung Seite an Seite für mehr Familienfreundlichkeit gestritten. Das hat mir großen Spaß gemacht. Du bist ne toughe, dreifache Mutter, erfolgreiche selbständige Strafverteidigerin und verheiratet.

Natürlich saßen wir auch nach der Veranstaltung noch bei einem Bier zusammen und haben weiter diskutiert. Und ich bin als Alleinerziehende plötzlich, ohne das zu wollen, in eine Rolle gerutscht, die mir gar nicht so gut gefallen hat:
Du hast das mit der Familie gut gelöst  - auch Dein Mann hat zur Hälfte Elternzeit genommen. Du bist berufstätig und erfolgreich. Und dennoch warst Du unglaublich genervt, weil Dein Gatte nicht eins zu eins seinen Teil der Familienarbeit wahrnimmt. Es geht Dir auf die Nerven, wenn Du nach einem anstrengenden Arbeitstag nachhause kommst und häufig im Haushalt nix gemacht ist.

Ich bin geschieden und hatte ein Déjà-Vu.
Und habe angefangen darüber zu schimpfen, wie tief in unser aller Köpfe diese sehr seltsame Idee von Ehe und Familie eingedrungen ist mit Rolle des Familienernährers einerseits und der Frau als geborener Mutter andererseits. Ich befürchte, ich habe auf Dich ein wenig den Eindruck einer Amazone gemacht, als eine Verfechterin der Einelternfamilie, weil das sowieso besser wäre.

Also nutze ich hier mal die Gelegenheit, um ein wenig Abbitte zu leisten: Nein, allzu oft schmerzt es mich, dass Jakob weitestgehend ohne seinen Vater aufwächst. Ich hab mir das damals auch so schön vorgestellt. Gerade, weil es bei uns nicht funktioniert hat, habe ich den größten Respekt vor allen Zweielternfamilien, ob verheiratet oder nicht.

Aber viel schlimmer als das Alleinerziehend-Sein selbst scheint mir das Aufwachen aus einer Illusion, wenn dann wirklich 'ne Partnerschaft oder gar Ehe gescheitert ist. So sehr ist hier in Deutschland alles - steuerlich, finanziell, rechtlich und konzeptionell - nur auf Ehe und Familie in Kombination ausgerichtet, auf ein Familienmodell, bei der eine beruflich zurücksteckt. Alles andere - ob Eltern unverheiratet sind, ob schwule oder lesbische Paare ein eigenes oder auch ein Pflegekind aufziehen, ob Großeltern eine maßgebliche Rolle bei der Erziehung der Kinder spielen oder eben - wie ich -  Eltern ihr/e Kind/er alleine aufziehen - all das ist mit so deutlichen finanziellen und strukturellen Nachteilen verbunden, dass viele meiner sehr modern denkenden Freunde, die es konnten, dann doch noch geheiratet haben. Nicht wegen der Liebe oder der Romantik. Aus Kostengründen.

Und wir sind noch lange nicht sooo weit: Immer noch glauben unsere modernen Väter, sie seien schon angekommen, nur weil sie das eine oder andere Mal früher von der Arbeit gekommen sind und die Kinder abgeholt haben. Und machen gerne auch ein Gewese darüber :-). "Vater Morgana" nannte eine Veranstaltung kürzlich dieses Phänomen sehr treffend. Und wir Mütter: Wir unterstützen das, sind dann schon voll Stolz und Bewunderung. Und gleichzeitig klagen wirklich fast alle meiner Freundinnen in Zweielternfamilien - wie Du ja auch - darüber, dass die Väter noch nicht so viel der Familien- und Hausarbeit übernehmen, dass für genug Zeit für gemeinsame Familienzeit, für Paarzeit oder auch nur für die Mütter alleine übrigbliebe. Von der aktiven Unterstützung bei ihren beruflichen Ambitionen spreche ich gar nicht.

Ich habe viele verheiratete Freundinnen, die die Schieflage schon sehen. Aber auch realisieren: Der Schritt daraus braucht Mut, weil er gesellschaftlich immer noch nicht anerkannt ist, weil er Ungerechtigkeit und häufig Armut bringt.

Wenn ich also den Eindruck einer Eineltern-Amazone erweckt und Dir das Gefühl vermittelt haben sollte, das Ehe ja nicht funktionieren kann , weil sie auf jeden Fall doof und auf keinen Fall  partnerschaftlich wäre, dann tut mir das aufrichtig leid. Natürlich wünsche auch ich mir Familie in Partnerschaft, könnte mir kaum was Schöneres vorstellen. Ganz besonders für Jakob. Aber die Illusion darüber ist mir ganz schön abhanden gekommen. Solange ich keinen "Vater" finde, der das mit mir konsequent partnerschaftlich lebt, ist für mich klar: Dann doch lieber alleinerziehend.

Aber was Du da machst und wie, das find' ich klasse!

Deine Matilda