Schwanger und alleinerziehend? Geht das?

Schwanger und alleinerziehend? Geht das?

Ich bin zum VAMV Berlin e.V. während meiner Schwangerschaft gekommen und ich würde heute sagen: Das hat die Phase in meinem Leben beendet, in der ich mich am allermeisten alleinerziehend gefühlt habe. Ich bin schon öfter mal gefragt worden, wie das geht, noch ohne Kind und doch schon alleinerziehend? Die schlimmste Phase in meinem Leben habe ich in der Schwangerschaft durchlaufen, weil ich in dieser Zeit viel über mein "Versagen" nachdenken konnte. Und auch noch nicht das Glück kannte, das ein Kind einem ja gibt, so dass alles andere nicht mehr so schlimm erscheint.

Aber mal der Reihe nach. Wie ich schwanger geworden bin? Na, dieser Teil lässt sich noch am leichtesten erklären: Wir waren frisch verliebt und kannten uns fast nicht. Also klassisch. Und so kam die Entscheidung, das Kind alleine großzuziehen, unter diesen Umständen sehenden Auges. Ich bin selbst ein Kind einer alleinerziehenden Mutter. Vier Jahre später hat meine Mutter einen Witwer mit zwei Kindern geheiratet. Meine Familie ist Patchwork, toll und mit ganz viel Liebe, und weil ich dieses Modell einer eher ungewöhnlichen Familie von Anfang an gelebt habe, war für mich immer klar: Ich will Kinder haben. Und ich würde  - wenn es schwierig wird - auf jeden Fall das Kind auch alleine bekommen. Dass es dann ernsthaft dazu kam, war weit entfernt von geplant.

Und diese Zeit, in der sich meine Situation also so darstellte, war ganz ernsthaft die schlimmste meines Lebens. Nicht dass ich mich nicht auf mein Kind gefreut hätte. Meine Mutter fragte mich mal: "Wie lange, nachdem Du erfahren hast, dass Du schwanger bist, hat es gedauert, bis Du Dich auf das Kind gefreut hast?" und beantwortete gleich selbst richtig: "Fünf Minuten?!" Von Anfang an habe ich mich auf dieses neue Leben gefreut. Aber da - wie für den absoluten Großteil aller Eltern - mit dem Kind die Zeit des Egoismus aufhört, begann für mich eine wirklich schwierige Zeit des Selbstzweifels.

Unter den oben genannten Umständen konnte ich es dem Vater meines Sohnes nicht wirklich übel nehmen, dass er seine Rolle und Verantwortung nicht benennen konnte, nicht wusste, wie er sie ausfüllen sollte. Er wollte nie eine Familie haben. Und das dann mit einer Frau, die er bis dahin kaum kannte ... Also begann für mich die Frage: Ist es wirklich in Ordnung, dass ich dieses Kind, auf das ich mich so gefreut hatte, alleine bekomme? Ohne genau zu wissen, ob und wie es seinen Vater kennenlernen würde? Ist das nicht der reine Egoismus? Die Frage, die sich aber im Umkehrschluss daraus ergab, habe ich gar nicht wirklich denken können. Und doch war ich dann irgendwann froh, dass ich die zwölfte Woche erreicht hatte und zumindest diese Frage damit auch beantwortet war.
Übrigens war das dann schon von den ersten Schwierigkeiten begleitet, mit denen ich mich in den letzten 13 Jahren immer wieder konfrontieren musste: Eine Woche, nachdem ich seinem Vater gesagt hatte, dass ich schwanger bin und nachdem er auch mit seinem Verhalten die Entscheidung mit getroffen hat, dass ich das Kind behalten werde, versuchte ich ihn zu erreichen – das Telefon war abgemeldet!

Ich weiß noch, wie ich komplett vor den Kopf gestoßen an meinem Küchentisch gesessen habe. Eine Freundin war da und plapperte über irgendetwas auf mich ein, und ich weiß, wie ich sie rüde zurechtwies, dass sie damit endlich aufhören solle, weil ich echt dachte: Das ist das Ende der Welt. Heute weiß ich, dass sein Telefon abgemeldet war, weil er die Rechnung nicht bezahlt hatte. Und das war dann auch nicht das letzte Mal.

In einem ersten Schritt half es mir wirklich sehr, als ich beim VAMV e.V. in der Gruppe andere alleinerziehende Schwangere kennenlernte. Übrigens fast alles Erstgebärende. Sicher haben uns unsere Geschichten gegenseitig geholfen und die Tatsache, dass wir endlich mit Frauen sprechen konnten, die diese Situation genau nachvollziehen konnten. Aber es war auch endlich eine Gruppe von Menschen, die jede Woche sich über die neuen Entwicklungen bei den anderen mit freute, und die vor allem - als es schließlich soweit war - schon mit einem kleinen Fest und mit Freude und Spannung jeden einzelnen kleinen Neuerdenbürger begrüßte. Endlich gab es jemanden, der sich täglich mit mir freute (Meine Familie schon auch, aber die war leider weit weg). Die Gruppe gab es übrigens noch gut eineinhalb Jahre, bis jeder in seinem eigenen Leben gut angekommen war.

Ich fühl' mich schon lange nicht mehr auf die Weise alleinerziehend, wie es von außen wahrgenommen wird. Ich habe Netzwerke, Freunde und vor allem Familie, die meinen kleinen Mann mit viel Liebe mit erziehen und mir helfen. Was schwer ist, sind die Rahmenbedingungen. Aber das ist was anderes.

Martina K.