Familienfreundlichkeit in wirtschaftlich schwierigen Zeiten

Thema: Politik

Der bekannteste Balanceakt Deutschlands, die „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ hat ein neues Pilotprojekt bekommen:

„Europäische Metropolregion Nürnberg auf dem Weg zur familienfreundlichsten Wirtschaftsregion Deutschlands“. Dieser Zungenbrecher muss zunächst ein wenig auseinander genommen werden: „Europäische Metropolregion Nürnberg“!


Nürnberg ist normalerweise nicht die Stadt, zu der einem sofort das Wort „Metropole“ einfällt. Denn Metropole wird oft synonym zu „Weltstadt“ gebraucht. Laut Wikipedia wurden auch wichtige spätantike Provinzhauptstädte „Metropole“ genannt, Provinzhauptstadt, das passt dann schon eher. Aber wer weiß, dass eine Metropole, im Gegensatz zu einer Weltstadt, die international absolute Bedeutung besitzt, nur relative Bedeutung innerhalb einer bestimmten Region oder eines bestimmten Gesellschaftsbereiches besitzen kann, weiß gleich: Das ist hier gemeint.


Was ist aber eine „Metropolregion“? Es ist eine stark verdichtete Großstadtregion von hoher internationaler Bedeutung. Metropolregionen werden als Motoren der sozialen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung eines Landes betrachtet. Europäische Metropolregionen besitzen zudem auf Europa bezogen Schlüsselrollen für eben diese Entwicklung. Sie werden seit 1995 auf deutscher Bundesebene definiert, ausgewiesen und gefördert.“ Nürnberg ist also eine Stadt bzw. Region auf dem Weg zu mehr Familienfreundlichkeit. Leider ist sie noch nicht angekommen, sondern erst auf dem Weg.

Warum ist Nürnberg noch nicht angekommen? Das Kooperationsprojekt von Bundesfamilienministerium (BMFSFJ) und Bertelsmann Stiftung „Balance von Familie und Arbeitswelt“ besteht bereits seit 2003. Im Jahr 2000 wurde dort das erste Bündnis für Familie gegründet.Mittlerweile beschäftigen sich laut BMFSFJ in der Metropolregion bereits 34 lokale Netzwerke mit dem Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Deshalb wurde die Region ausgewählt, nun auch noch ein Pilotprojekt zu werden.


Warum ist eigentlich ein solcher Aufwand nötig, mit Projekten und Förderung und komplizierten Bezeichnungen, nur damit die Unternehmen flexiblere Arbeitszeiten, eine Betriebskita und oder ein paar Teilzeitmodelle für Führungskräfte anbieten? Wo doch alle Studien belegen, dass dies sich für die Betriebe auch noch rechnet: "Familienfreundlichkeit in Unternehmen ist nicht nur ein Beleg für soziale Kompetenz, vielmehr wurde in diversen Studien nachgewiesen, dass eine bewusst familienfreundliche Personalpolitik sich für die Arbeitgeber auch in barer Münze auszahlt", erklärt Dr. Roland Fleck, Leiter des Forums "Wirtschaft und Infrastruktur" der Europäischen Metropolregion Nürnberg. "Familienbewusste Unternehmen weisen eine um 17 Prozent höhere Mitarbeiterproduktivität auf, die sich u. a. auf höhere Motivation der Beschäftigten, geringere Fehlzeiten und eine höhere Bindung von Fachkräften zurückführen lässt. Damit gelingt es familienbewussten Unternehmen auch, ihre Kunden langfristiger an sich zu binden. Dies ist das Ergebnis einer Studie des von der berufundfamilie GmbH gegründeten Forschungszentrums Familienbewusste Personalpolitik (FFP) an der Universität Münster und der Steinbeis Hochschule Berlin.

Ein solcher Aufwand ist nötig, weil die deutsche Unternehmensstruktur durch kleine und mittlere Unternehmen geprägt ist, die eher konservativ agieren. Rund 70 Prozent der Arbeitnehmer/innen sind im Mittelstand beschäftigt. Und da ist die Bereitschaft, familienfreundliche Arbeitsbedingungen anzubieten aus den verschiedensten Gründen gering. Hier muss ein gesellschaftliches Umdenken stattfinden. Ob dies durch weitere Modellprojekte, Pilotprojekte oder Bündnisse erreicht werden kann? Wenn ein Kooperationsprojekt nach 6 Jahren Laufzeit dazu führt, dass der Start eines im Rahmen des Kooperationsprojektes erfolgenden Pilotprojektes einen Erfolg darstellt, obwohl der Inhalt des Pilotprojektes der ist, das eine Region auf den Weg zu mehr Familienfreundlichkeit gebracht wird, dürfen Zweifel an diesem Vorgehen angemeldet werden.

"Gerade in einer wirtschaftlichen Krise kommt es darauf an, qualifizierte Fachkräfte an das Unternehmen zu binden und als Arbeitgeber attraktiv zu bleiben", behauptet Prof. Dieter Kempf, Schirmherr des Modellprojekts. Leider ist das eher nicht so. Die Wirtschaftskrise wird den Arbeitnehmer/innen wohl kaum die Gelegenheit geben, in aller Ruhe aus den zahlreichen Arbeitsangeboten das familienfreundlichste auszuwählen. Vielmehr steht zu erwarten, dass Eltern froh sind, einen Job zu bekommen und einfach dorthin ziehen, wo die Arbeit ist. Mit den Folgen der Kinderunfreundlichkeit der Arbeitgeber/innen werden sie sich arrangieren müssen.