Ganz "allein" erziehen

Ganz "allein" erziehen

Und das seit mittlerweile 13 Jahren… 

Bei uns war von Anfang an, d.h. seit der Schwangerschaft, klar, dass das Familienleben ohne Beteiligung des Vaters stattfinden würde. Insofern wusste ich, worauf ich mich einlasse (sofern man das beim ersten Kind überhaupt wissen kann).

In der Schwangerschaft und nach der Geburt des gesundes Sohnes war ich einfach nur glücklich, ein Kind zu haben und fühlte mich sehr stark. Dann kamen natürlich die Zweifel – würde das Kind mir später mal vorwerfen, dass es ohne Vater aufwachsen musste, würde es (auch in unserer modernen Zeit) deswegen geärgert oder gemobbt werden, würde ich es schaffen in allen Beziehungen allein für es zu sorgen?

Doch zum vielen Gedankenmachen war dann auch nicht so viel Zeit und irgendwie habe ich dann doch immer Glück gehabt: Angefangen bei der Freundin, die mir anbot, mein Kind als Tagesmutter zu nehmen, so dass ich nach 10 Monaten wieder halbtags arbeiten konnte. Weiter mit dem Kindergarten, in dem er sich wohlfühlte, der neuen Stelle, die ich – als Alleinerziehende mit 3-Jährigem! – auch wieder in Teilzeit bekam, den netten Babysitterinnen. Und nicht zuletzt und besonders meinem Sohn, der mir das alles dadurch enorm erleichterte, dass er mit den wechselnden Situationen und Betreuenden immer gut klarkam.
 
Ein bisschen schwer fiel mir, Hilfe auch ohne Gegenleistung anzunehmen, so von der Mutter einer Freundin, die meinen Sohn in den Ferien betreute, wenn mein Urlaub nicht reichte, einfach weil sie Kinder mag.
 
Besonders leid tat mir immer, wenn ich mit meinem Sohn schimpfen musste, weil ich dann sowohl die Böse war, als auch dann fünf Minuten später die, zu der er wegen Trost kommen musste, weil halt kein anderer da war. Schwierig waren die größeren Entscheidungen wie „mit knapp sechs Jahren einschulen oder nicht“, bei denen mir dann doch die Meinung von jemandem fehlte, der meinen Sohn genauso gut kennt wie ich.

Wie mein Sohn darüber denkt? Auch in anderen Dingen war und ist er jemand, der die Gegebenheiten seines Lebens (z.B. hat er ja auch keine Oma und keine Geschwister) immer angenommen und das Beste daraus gemacht hat. Meine Informationen zu seinem Vater (natürlich, er hat einen, wie alle Kinder, und das Einzige, was ich an dem Vater nicht so gut finde, ist, dass er ihn zur Zeit nicht besucht, aber die Gründe dafür könnte ich ihm auch nicht so richtig erklären) und das Gefühl, dass das kein Tabu-Thema ist, waren für ihn und in unserer Situation anscheinend genug. Jemanden, den man nicht kennt, kann man ja auch nicht so vermissen, wie jemanden, der nach einer Trennung nicht mehr da ist. Wenn Klassenkameraden fragten, hat er halt gesagt, der Vater wohnt nicht bei uns und damit war der Fall auch meist erledigt. 

Geholfen hat uns beiden sicher, dass ich nie negative Gefühle dem Vater gegenüber hatte und habe (ohne ihn hätte ich dieses Kind halt nicht) und dass wir nie finanzielle Sorgen hatten. Wie wir jetzt durch die Pubertät kommen, wird man sehen, aber richtig Angst habe ich nicht davor, da man mir von mehreren Seiten bestätigt, dass wir ein gutes Verhältnis haben und miteinander reden – notfalls gibt es sicher immer einen Platz in der VAMV-Pubertierendengruppe!

Carina W.

Quelle: VAMV Landesverband Berlin e.V., Infoheft 04/2011-09/2011, Allein erziehen - Mut zur Lücke