Schlaue Mädchen – Dumme Jungen?
Thema: Bildung
07. November 2009 | Autor/in: Peggi Liebisch | 4 Kommentare »
Immer wieder wird in den Medien berichtet, die Jungen seien zunehmend die Verlierer in den Bildungsinstitutionen. Sie schaffen häufiger keinen Schulabschluss, sind beim Abitur und in einigen Studiengängen wie Medizin mittlerweile eindeutig in der Minderheit. Müssen Jungen daher speziell gefördert werden? Brauchen wir eine Jungen- und Männerpolitik, damit sich an diesen Missständen etwas ändert?
Die neue Bundesregierung sagt ja und hat in den Koalitionsvertrag geschrieben: „Wir wollen eine eigenständige Jungen- und Männerpolitik entwickeln und bereits bestehende Projekte für Jungen und junge Männer fortführen und intensivieren. Damit eröffnen wir ihnen auch in erzieherischen und pflegerischen Berufen erweiterte Perspektiven.“
Mit dieser Aussage im Koalitionsvertrag widerspricht die Regierung ihrer selbst in Auftrag gegeben Veröffentlichung „Schlaue Mädchen – Dumme Jungen?“ Diese Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums – ein Sachverständigengremium, das die Bundesregierung in grundsätzlichen Fragen der Kinder- und Jugendhilfe und in Querschnittsfragen der Kinder- und Jugendpolitik berät – kommt zum Ergebnis, dass vor allem die Medien sehr einseitig und verkürzt über die vermeintlich schlechteren Bildungsleistungen von Jungen berichten. Tatsächlich lassen die Befunde im wissenschaftlichen Diskurs keineswegs auf eindeutige Benachteiligungen von Jungen schließen. Und so warnt das Beratergremium die Politik ausdrücklich vor einer schnellen Umsetzung in einseitiger Förderung aufgrund des männlichen Geschlechts. Vielmehr müssten die vermittelten pädagogischen Inhalte auf ihre einseitige Ausrichtung überprüft werden.
Zum Beispiel wird aus der vermeintlichen Benachteiligung der Jungen von der Politik als Lösung gefordert, mehr männliches Personal in Kitas und Grundschulen einzustellen. Allerdings haben die Sachverständigen keine eindeutigen Hinweise gefunden, sondern betonen: „Zudem ist es nicht zutreffend, „die“ Jungen pauschal als Bildungsverlierer zu betrachten, da die Ergebnisse für die Gruppe der Jungen ein sehr heterogenes Bild abgeben, insbesondere, wenn weitere Unterscheidungen nach Migrationsgeschichte und sozialer Herkunft berücksichtigt werden.“ Statt einfach mehr Männer einzustellen, wäre es klüger, über die Vorstellung von Männlichkeit in den erzieherischen und pflegerischen Berufen nachzudenken und Einseitigkeiten zu überwinden.
Die Regierung handelt demnach wider besseres Wissens, wenn sie jetzt eine eigenständige Jungen- und Männerpolitik einführen will. Wofür werden diese Beratergremien eingesetzt, wenn ihre Erkenntnisse nicht in die Politik einfließen? Die nordischen Länder setzen seit Jahrzehnten auf eine Gleichstellungspolitik auch in der Bildung. Allein mit dem Prinzip der Individualförderung – und nicht qua Geschlecht – wie in Deutschland, wären Fortschritte zu verzeichnen. Wieder vergibt die Regierung zugunsten eines „auf Schlagworte verkürzten, undifferenzierten Aktionismus“ die Chance für eine strukturelle Veränderung, die sowohl Jungen als auch Mädchen zugute kommt.


16. November 2009 | Autor/in: Sabine Scheltwort
Individuelle Förderung ist wichtig - für Mädchen wie für Jungen. Big Brothers Big Sisters ist eine gemeinnützige Organisation und vermittelt ehrenamtlich engagierte Mentoren für Kinder und Jugendliche. Es werden jedoch weit häufiger Jungen als Mädchen für das Mentorenprogramm angemeldet. Mädchen gelten oft als brav und nicht weiter auffällig. Dabei tut ungeteilte Aufmerksamkeit jedem Kind gut.
12. November 2009 | Autor/in: Peggi Liebisch
Ja, auch das ist typisch für das deutsche Schulsystem - viel zu wenig Bewegung! Nicht dass alle Jungs gleich wären, es gib ja auch Mädchen, die gerne rennen und raufen, aber die Schule nimmt generell keine Rücksicht auf diese Bedürfnisse. Als eine der Errungenschaften der letzten Jahre wird gezählt, dass die Schüler/innen während des Unterrichts Wasser trinken dürfen. Leider wird es auch immer üblicher, Verhalten, das nicht in der vorgegebenen Norm abläuft, zu pathologisieren und mit Medikamenten zu behandeln. Das wird in den nächsten Jahren wahrscheinlich noch zunehmen. Ich glaube nicht, dass das geschlechtsspezifische Gründe hat, sondern, dass sich das Lehrpersonal die Erklärung oft zu einfach macht und das "Problem" schnell aus dem Klassenzimmer schaffen will.
11. November 2009 | Autor/in: supermami
Aus meiner persönlichen Erfahrung müsste der Titel wohl eher lauten:"Brave Mädchen - böse Jungs?". Ich denke, ein grosses Problem gerade in den heutigen Grundschulen ist, dass den Jungen nicht der Raum gegeben wird, ihre körperlichen Bedürfnisse nach Bewgung auszuleben. Wenn man die verschiedene Entwicklung von Jungen und Mädchen auf der motorischen Ebene berücksichtigt, müsste dem viel mehr Raum gegeben werden. Stattdessen werden bewegungsfreudige und auch "sich raufende" Jungs sehr schnell in die Kategorie "aggressiv" oder auch "hyperaktiv" abgeschoben - meiner Meinung durchaus auch ein Ergebnis der Geschlechterverteilung beim Lehrpersonal.
20. November 2009 | Autor/in: Makramee
Die Sache mit der Geschlechterverteilung beim Lehrpersonal sehe ich genauso. Betrachte ich die Grundschulen, die meine beiden Kinder besuchen, gibt es nur bei der einen zwei (!) Lehrer, wovon der eine auch der Schulleiter ist. Ich denke, Jungen brauchen von der Kindergartenzeit an männliche Bezugspersonen, haben aber zu 99% nur Erzieherinnen um sich herum. Jungen denken, fühlen und verarbeiten Situationen anders als Mädchen und dem können viele Erzieherinnen einfach nicht gerecht werden. Habe selber einen Sohn und eine Tochter im Grundschulalter und so den direkten Vergleich in "Krisensituationen". Obwohl meine Tochter 2 Jahre jünger als ihr Bruder ist, sieht sie viele Zusammenhänge viel früher und ist eher in der Lage, Situtationen richtig zu beurteilen oder einzuschätzen. Ich denke, Mädchen haben evolutionsbedingt eher die größere Begabung, sich in andere hineinzuversetzen als Jungs. Und da diese Fähigkeit in unserer Gesellschaft einen immer größeren Stellenwert bekommt, ziehen diese natürlich den kürzeren! Daher wäre ich auch für eine individuelle Förderung unserer Kinder, was aber angesichts der hohen Schülerzahlen in den Grundschulklassen leider auch nicht immer durchgeführt werden kann.