FAZ: Konservative Kampagne gegen Alleinerziehende

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAZ) hat am Sonntag (24. Januar 2010) einen Leitartikel mit der Überschrift „Die Hätschelkinder der Nation“ veröffentlicht. Grundtenor: Alleinerziehende im SBG II-Bezug werden bevorzugt behandelt und mit dieser Praxis sorgt der Staat dafür, dass es immer mehr Alleinerziehende gibt – was die Autoren Rainer Hank und Georg Meck Besorgnis erregend finden. Sie machen die einfache und populistisch wirksame Rechnung auf: „Arbeit lohnt sich da kaum“ und „Ein neuer Partner auch nicht“.

Kampagnen gegen ihre Lebensform sind Alleinerziehende gewohnt – dass die FAZ so platt damit daherkommt, ist für das 21. Jahrhundert schon bemerkenswert. Ausdruck und Behauptungen stammen eher aus der Mitte des letzten Jahrhunderts, als Adenauer in Deutschland Kanzler war und die bürgerliche Kleinfamilie der wohlgeordnete Ort der Reproduktion und Kinderaufzucht. Mag ja sein, dass sich Hank und Meck diese Ära zurückwünschen, doch auch der FAZ wird es nicht gelingen, das Rad der Zeit zurück zu drehen. Bedauerlicher Weise ist sich auch das Kieler Institut für Weltwirtschaft nicht zu schade, zum Transport konservativer Thesen fragwürdiges Datenmaterial und offensichtlich falsche Berechnungen beizusteuern. Und für das Zitat der These des Sozialphilosophen Kersting „Der Sozialstaat gleicht immer mehr einem totalitären Regime, das die Familien zerschlägt“ sollte sich die FAZ schämen. Insgesamt ist der Leitartikel schlecht recherchiert und dient ja wohl auch ausschließlich dem Zweck, eine Lebensform zu verunglimpfen, die auch in Zukunft immer mehr Menschen (phasenweise und größtenteils ungeplant) leben werden, Männer und Frauen.

So lange die Rahmenbedingungen für moderne Lebensformen nicht hergestellt sind - Individualbesteuerung an Stelle des Ehegattensplittings, Kitaplätze in ausreichenderZahl, Existenz sichernde Arbeitsplätze – rutschen einzelne Bevölkerungsgruppen automatisch in gesellschaftliche Randlagen, die von der Sozialgesetzgebung abgefedert werden. Das ist im System so angelegt. Es zu kritisieren, heißt, ins eigene Nest zu spucken, denn eigentlich sind die Alleinerziehenden doch genau da, wo man sie haben will: in der Bedürftigkeit. Dass die Alleinerziehenden daran selbst kein Interesse haben, scheint die FAZ nicht zu interessieren.

Die Resonanz auf diesen Schmähartikel ist enorm, allein die Kommentarliste im Internet ist gemischt in Zustimmung und empörter Ablehnung eindrucksvoll. Aus Sicht des Verbandes alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV) diskreditieren sich Veröffentlichungen solcher Art selbst, weil jede/r, der sich in der Sache nur ein wenig auskennt, sofort merkt, dass hier nur Stimmungsmache betrieben wird, die für eine konstruktive Weiterentwicklung von gesellschaftlichen und rechtlichen Strukturen eher hinderlich ist.

Kommentar: Peggi Liebisch, Verband alleinerziehender Mütter und Väter, Bundesverband e.V. (VAMV), Berlin, 27. Januar 2010