Mein Unglück hat mich stark gemacht

Thema: Gewalt
Mein Unglück hat mich stark gemacht

Damals hätte ich Frauenhäuser gebraucht. Nach der ersten Trennung 1976 kamen von meinem Ex-Mann die Krokodilstränen und hochheilige Versprechungen – doch es hat sich nicht wirklich etwas verändert. Ein Jahr später bin ich endgültig gegangen. Vor Weihnachten, kurz vor meiner endgültigen Trennung, war es so schlimm, dass er mich fast umgebracht hätte. Von da ab war für mich wirklich Schluss. Ich habe einen Heulkrampf bekommen, so dass meine Mutter den Arzt gerufen hat und danach war das Thema für mich erledigt. Ich bin nie wieder zurückgegangen. Es hat lange gedauert, bis ich diese ganze Situation verarbeiten konnte. Und die Verarbeitung hat viel mit meiner ehrenamtlichen Tätigkeit im Verband alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV) zu tun. Darüber hinaus habe ich vor Ort in dem Verein „Frauen helfen Frauen“ erst ehrenamtlich, dann hauptamtlich mitgearbeitet. Das hat mir unendlich viel geholfen.

Gewalt in der Ehe

Mein Ex-Mann ist, besonders wenn er Hochprozentiges getrunken hatte, gewalttätig geworden. Anfangs war es eine Ohrfeige und nachher wurde es immer schlimmer und die Abstände kürzer. Er wollte auch viel Sex, den ich in solchen Situationen natürlich nie bereit war, freiwillig zu geben. Das heißt, es ist mehr oder weniger auch zu Vergewaltigung in der Ehe gekommen. Er hat mich geschlagen, hat Gürtel genommen, mir Kissen aufs Gesicht gedrückt und beim letzten Mal hat er mich fast erwürgt. Es war sehr heftig. Doch nicht immer war der Alkohol der Auslöser. Im Nachhinein habe ich nicht herausgefunden, was tatsächlich die Auslöser waren.

Es gab natürlich nicht nur solche Momente – und das ist ja immer das Problem. In den anderen Momenten hofft und glaubt man, dass es nur ein Ausrutscher war. Wir haben eine Therapie begonnen, zu der ich zwar hingegangen bin, er aber nur zwei Mal und dann bin auch ich weggeblieben. Nach dem die Therapie nichts gebracht hat und es wieder so heftig wurde, bin ich endgültig gegangen. Das ganze hat sich über sechs Jahre hingezogen, aber wie gesagt, es gibt nicht nur solche Momente. Es gab auch Momente, in denen ich Angst hatte, aber in denen nichts passiert ist. Aber irgendwann wollte ich auch diese Angst nicht mehr haben, sondern in Ruhe leben. Seit dem ist es mir insgesamt immer besser gegangen als in der Ehe.

Ein Leben ohne Angst

Zuerst bin ich in die Wohnung meiner Mutter gezogen, die mich sofort aufgenommen hat. Obwohl sie es die ganze Zeit geahnt hatte, hat sie mir nie gesagt „Ich hab es Dir ja immer gesagt“. Das rechne ich meiner Mutter hoch an.

Meinen Ex-Mann konnte ich die ersten zehn Jahre nicht in meine Wohnung lassen, weil die Verletzungen so tief waren. Die erste Zeit – und das hat sicherlich auch mit dazu beigetragen, dass ich für meine Verhältnisse spät gegangen bin – hatte ich immer noch Sorge, dass er mich nicht in Ruhe lässt. Von anderen Familien habe ich später häufig miterlebt, dass dies nach der Trennung der Fall ist. Das hat mein Ex-Mann zum Glück nie getan und so war ich irgendwann beruhigt.

Unterstützung ist wichtig

Was ich den Frauen mit auf den Weg geben möchte, die sich entweder noch in solch einer Situation befinden oder schon draußen sind? Für Frauen, die in dieser Situation noch drin sind: Nehmt die Situation beim Schopfe – trennt euch. Oder verpflichtet den Mann zur gemeinsamen Therapie. Alles andere, wie z.B. den Anderen versuchen zu ändern, funktioniert nicht. Sie müssen selber dazu bereit sein. Und solange sie das nicht sind, wird sich nichts ändern. Das ist eine Erfahrung, die ich nicht nur bei mir, sondern auch bei vielen anderen Frauen, die ich kennen gelernt habe, gemacht habe.

Und für Frauen, die schon aus der Situation raus sind, kann ich nur sagen: Glückwunsch! Haltet durch! Sucht euch die Unterstützung von Menschen, denen ihr vertraut. Ob es im Verband alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV), in der Verwandtschaft, in der Bekanntschaft oder bei Freunden ist. Eine Unterstützung ist auch in der Situation danach wichtig, denn Hilfe und Verständnis werden noch gebraucht. Es ist wichtig, möglichst viel darüber zu reden, damit man ein solches Trauma verarbeiten kann. Verheimlichen, verbergen oder niemanden ansprechen hilft nicht. Sich diese Hilfe zu holen, ist ganz wichtig. Ich selber habe mich jahrelang in dem Bereich engagiert. Als ich bei „Frauen helfen Frauen“ in Lippstadt ehrenamtlich und hauptamtlich mitgearbeitet habe, stand ich fast 15 Jahre unter dem Notruf in der Zeitung.

Mein Unglück hat mich stark gemacht - das stimmt im Nachhinein. Damals hätte ich das nie so sagen können. Aber durch dieses Unglück, dadurch, dass ich es geschafft habe, mich zu trennen und durch die Arbeit beim VAMV bin ich tatsächlich stark geworden. Natürlich habe ich auch Momente, in denen ich mich gerne an eine starke Schulter anlehnen möchte, in denen ich weine, sehr verletzt bin und Unterstützung brauche. Ich hatte vielleicht nicht die Unterstützung, die ich gebraucht hätte, aber ich bin froh und dankbar, dass ich Hilfe in meiner Familie gefunden habe. Damals bei meiner Mutter und meiner Schwester und heute bei meinen Kindern. Mit meiner Familie habe ich Glück gehabt – trotz allen Leides, das ich erfahren habe. Dafür bin ich sehr dankbar.

Erika B.

Bild von bibi11

Hallo Erika,

super dass Du es geschafft hast. Es braucht alles seine Zeit und da ist es sehr hilfreich, wenn man Freunde hat, die einem helfen und zuhören bzw. Tipps geben ohne die eigene Meinung aufzuzwingen.

Ich wünsche dir weiter viel Kraft und Erfolg.

bibi